Der folgende Artikel erschien in der Zeitschrift "Agora", Ausgabe 1/2000
"Agora" erscheint bei der Katholischen Universität Eichstätt. Dieser gilt mein Dank für Ihre freundliche Mithilfe!
 
 

Qumran: Ein neues Kapitel in der Forschung
von Ferdinand Rohrhirsch

Überall hätte man sie vermuten können: In Jerusalern natürlich zuallererst, in Paris, vielleicht noch in London. Aber dass ausgerechnet humane Überreste aus der Zeit Jesu in München lagerten, an der Katholischen Universität Eichstätt (KUE) zu sehen waren und in Zukunft im Eichstätter Juramuseum ihre Heimat finden werden, das wäre vor zwei Jahren in das Reich der schon immer üppig sprießenden Qumran-Phantasien einzuordnen gewesen. Genau das jedoch ist nun tatsächlich der Fall.

Im Februar 2000 wurden im Rahmen eines Symposions, veranstaltet vom Inhaber des Lehrstuhls für Neutestamentliche Wissenschaft, Prof, Dr. Bernhard Mayer, wesentliche Ergebnisse der Untersuchungen dieser außergewöhnlichen Funde präsentiert. Begleitet wurde das Symposion durch eine Ausstellung der Universitätsbibliothek Eichstätt, in der einige Exponate aus Jericho und Qumran der sogenannten "Collectio Korth" zu sehen waren.

Neben Kathleen Mary Kenyon, die im allgemeinen Bewusstsein untrennbar mit den Ausgrabungen von Jericho verbunden ist, wird Pater Roland de Vaux als weitere Zentralgestalt der Palästina-Archäologie des 20. Jahrhunderts mit den Ausgrabungen von Qumran in Verbindung gebracht. Die Ruinen von Qumran sind zwar schon seit dem letzten Jahrhundert bekannt, zum Ziel archäologischer Aufmerksamkeit wurden sie aber erst seit etwa 50 Jahren, als - zum Teil in unmittelbarer Nähe, zum Teil aber auch bis zu einige Kilometer entfernt von ihnen - am Nordwestufer des Toten Meeres beschriftete Rollen- und Rollenfragmente aus der vorchristlichen Zeit gefunden wurden, darunter zum Beispiel auch Bücher der Bibel, die bis zu 1000 Jahre älter waren als alle bisher bekannten Handschriften.

Die in Ost-Jerusalem ansässige "Ècole biblique et archéologique francaise de Jérusalem" und ihr damaliger Direktor Pater Roland de Vaux beschlossen, die Ruine freizulegen. In mehreren Kampagnen zwischen den Jahren 1952 und 1956 wurde das circa 80 auf 80 Meter große Ruinenfeld vollständig freigelegt, ebenso eine kleine Dependance rund drei Kilometer südlich von Qumran: En Feschcha, die durch Keramik- und Münzfunde in dieselbe Besiedelungszeit datiert werden kann. Nach de Vaux können für Qumran folgende Hauptbesiedlungszeiten festgelegt werden: Die so genannte Israelitische Besiedlungsperiode im 8./7. Jhdt. v. Chr. (Eisenzeit II), Periode la (143-134 v. Chr.), Periode Ib (134-31 v. Chr.), Periode II (4/1 v. Chr. - 68 n. Chr.), Periode III (68-73 n. Chr.).

Bedingt durch die damals fehlenden Vergleichsmöglichkeiten präsentierte sich Qumran nahezu einmalig. Aber auch unter gegenwartigem Forschungsstand entzieht sich Qumran immer noch einer eindimensionalen monokausalen Interpretationsperspektive.

So sind zum Beispiel seit ihrer Freilegung die riesigen Wasserbecken Gegenstand der Diskussion. Unter dem Maßstab gegenwärtiger klimatischer Bedingungen, die bisher mehr oder weniger reflektiert auf die besagten Besiedlungszeiten rückprojeziert werden, sind die Wasserbecken extrem unwirtschaftlich gebaut. Sie verschenken nahezu die Hälfte des Speichervolumens durch ihre aufwendigen Treppenanlagen. In ihrer baulichen Ausführung gleichen sie den so genannten Miqvaot, rituellen jüdischen Reinigungsbädern, die aber in dieser Anzahl und in diesen Dimensionen mit dem kostbaren Wasser, das nur in den Wintermonaten vom Berg mittels eines Kanales in die Anlage geleitet wurde, geradezu verschwenderisch umgehen. Auch die bisher noch an keinem anderen Ort nachweisbaren, sich nach unten verjüngenden, tischähnlichen Objekte, die fünf Meter lang, aber nur 50 Zentimeter breit sind, entziehen sich einer eingehenden Interpretation. Dazu kommt noch der Fund von drei Tintenfässern: Schon der Fund eines Tintenfasses innerhalb eines Komplexes ist höchst bedeutsam, aber in Qumran waren die Fundorte der drei Fässer keine 20 Meter voneinander entfernt und in unmittelbarer Nähe der tischähnlichen Objekte. Ein circa 20 Meter langer Raum konnte mittels eines Wasserzuflusses gereinigt werden. Hunderte von eingemauerten Geschirrteilen konnten in einem Raum entdeckt werden. Ein Raum ist offenbar sogar so konstruiert, dass es für ihn keinen Eingang zu geben scheint.

Durch die vielen archäologischen Besonderheiten und die damit gegebenen Schwierigkeiten einer einheitlichen Interpretation erscheint es psychologisch mehr als naheliegend, die gefundenen Schriftrollen und Fragmente auf diesbezügliche Hinweise auszuwerten. Wer die Ruine mit dieser Vorentscheidung angeht, wird schnell von "Erfolg" belohnt: Denn unter den gefundenen Schriftrollen gibt es eine Rolle, die präzise Anweisungen für ein Gott wohlgefälliges Leben enthält und von einer streng hierarchisch organisierten Gemeinschaft spricht, von sehr strengen Aufnahmekriterien, die sich über Jahre hinziehen, aber auch von Strafen für die Mitglieder bei Übertretung der Regeln dieser Gemeinschaft.

Und sprechen nicht auch antike Schriftsteller von einer Gruppe von Sonderlingen, die "ohne jede Frau, jeder Wollust abhold, ohne Geld und nur in Gesellschaft von Palmen" am Toten Meer in der Wüste leben? Soweit Plinius der Ältere. Sein jüdischer Kollege Flavius Josephus schreibt von diesen Sonderlingen, dass sie "die Ehe verachten und die Lust zum Weibe; im Verhältnis zu Gott sind sie fromm, mehr als alle".

Eine Reihe von Interpretationen zu Chirbet Qumran

Zusammen mit den Schriftrollen konnten diese Aussagen nur einen Schluss ergeben: In Qumran residierten die Essener. Unter "Essener" stellt man sich gemeinhin eine mönchs-ähnliche Gemeinschaft vor, die in der Wüste lebte, Gott verehrte und bemüht um höchstmögliche Reinheit war. Die Mitglieder dieser Gemeinschaft lebten einfach und verdienten - so zum Beispiel der Göttinger Qumranfachmann Hartmut Stegemann - ihren Lebensunterhalt durch die Herstellung von "Heiligen Schriften".

Akzeptiert man diese Prämisse, die aus der Interpretation von Texten genommen wird, dann passt auch das archäologische Material wie von selbst: Die länglichen Objekte sind dann Tische, die hervorragend geeignet sind zum Bearbeiten der Leder- und Pergamentbahnen. Auch die Tintenfässer bekämen so ihren Sinn, ebenso En Feschcha als Ort zur Lederherstellung. Auch die genannten Eigenheiten wie Miqvaot oder auch die Versammlungsräume sind problemlos und sich gegenseitig verstärkend interpretierbar im Kontext einer Infrastruktur, die auf einer anzunehmenden autarken, mönchsähnlichen Gemeinschaftsstruktur basiert.

Was die Theorie einer zölibatären Gemeinschaft in Qumran aber im höchsten Maße "stützte", sind die Friedhöfe der Anlage: In Qumran sind gegenwärtig drei Friedhöfe bekannt. Das Hauptgräberfeld, circa 50 Meter östlich der Anlage, ein Südgräberfeld auf der gegenüberliegenden Seite des Wadi Qumran und ein Nordgräberfeld dessen genaue Lokalisierung aus der Literatur nicht möglich ist.

Das Hauptgräberfeld wird durch drei östliche Ausläufer verlängert. Die Ausläufer zeichnen sich durch eine unregelmäßige Reihenstruktur aus. Die Gräber sind sowohl ost-westlich wie nord-südlich ausgerichtet. Im Gegensatz dazu ist das restliche Hauptgräberfeld von einer beeindruckenden Nord-Süd-Orientierung fast aller Gräber gekennzeichnet. Dazu kommt, dass die Grabarchitekturen sehr ähnlich ausgeführt sind: Alle Grabschächte sind tief, die Leiche liegt nicht in der Mitte des Schachtes, sondern in einer ergrabenen Nische im Osten. Diese Nische wurde sorgfältig mit Steinen abgedeckt, und dann der Schacht wieder aufgefüllt. Die Blickrichtung des Schädels zeigt nach Osten. Es sind his auf eine Ausnahme Einzelgräber, wobei in allen bisher geöffneten Gräbern von de Vaux auf diesem Hauptgräberfeld männliche Individuen identifiziert werden konnten. Auf den östlichen Ausläufern sowie im Nord- und Südfriedhof wechseln sich Männer, Frauen und Kinder ab. War schon die Nord-Süd-Ausrichtung der Gräber in den fünfziger Jahren völlig singulär, so war das Faktum "Einzelgrab" zusammen mit der Geschlechterverteilung bei unterlegter Essenerprämisse der Beweis für die Richtigkeit dieser Annahme.

Somit war die Frage der Interpretation der Ruine erledigt, und es regte sich nur noch vereinzelter Protest, der aber nie völlig verstummte und seit Anfang der neunziger Jahre wieder zu grundsätzlichen Rückfragen beziehungsweise Neuinterpretationen führte. So gibt es gegenwärtig in der Forschung folgende Interpretationen zu Chirbet Qumran: Qumran war eine Wintervilla, ein Handelsplatz mit Steuerstelle, ein Militärstützpunkt, eine Feinledergerberei, ein landwirtschaftlicher Gutsherrensitz und der Tempelersatz der Essener.

Die besondere Rolle der Friedhöfe für die Interpretation

Bei der permanent geführten Diskussion über die Interpretation der Ruine von Qumran führten die Friedhöfe stets eine gewichtige Rolle. Schon die Frage, ob es sich nun um mehrere Friedhöfe oder nur um einen einzigen Friedhof handelt, ist umstritten. Klar ist: Wer den Hauptfriedhof mit seinen östlichen Ausläufern als ein zusammengehöriges Gräberfeld interpretiert, der hat eben nicht nur Männer, sondern auch Frauen und Kinder in demselben Friedhof. Dazu kommt, dass ein Forscher, Solomon H. Steckoll, der mit der Erlaubnis der jordanischen Behörden in den späten sechziger Jahren Gräber öffnete, in einer seiner Veröffentlichungen schrieb, er habe im Hauptfriedhof von Qumran auch weibliche Skelette ausgegraben. Leider verschwieg er die exakten Fundstellen.

Für weitere Unklarheiten sorgte die sehr späte Publizierung der Grabungsberichte de Vauxs zu Qumran. De Vaux hatte zwar relativ ausführliche, vorläufige Grabungsberichte veröffentlicht. Es gab jedoch keinen Plan der Friedhöfe, in denen die Grabentnahmen gekennzeichnet waren. Erst 1994, also über 40 Jahre nach der Grabung und 23 Jahre nach de Vauxs Tod, erschien der erste von fünf geplanten Bänden der Grabungsdokumentation de Vauxs zu Qumran. In diesem ersten Band ist auch ein Plan enthalten, der zeigt, an welcher Stelle de Vaux Gräber öffnen ließ.

Die Collectio Kurth

Bei der deutschen Übersetzung und Informationsaufbereitung des französischen Grabungsbandes fiel auf, dass bei den Geschlechtsbestimmungen der Grabungskampagne von 1956 des öfteren von de Vaux ein Name genannt wurde, der schon in den vorläufigen Grabungsberichten zu finden war: "Dr. Kurth (Göttingen)". Dr. Gottfried Kurth (1912-1990), zuerst wissenschaftlicher Mitarbeiter beim bedeutenden Anthropologen Gerard Heberer und schließlich Professor für Anthropologie an der TU Braunschweig, nahm von 1954 bis 1957/58 an den Kampagnen von Dr. Kathleen Mary Kenyon auf dem Tell es Sultan in Jericho teil. Er war in Jericho für die Ausgrabung aller menschlichen Skelettreste vom Mesolithikum (ca. 9500 v. Chr.) bis zur frühbyzantinischen Zeit verantwortlich und hat diesem zum großen Teil eigenhändig durchgeführt. Auf Einladung von de Vaux hielt sich Kurth am 24. Februar 1956 in Chirbet Qumran auf. An diesem Tag erstellte Kurth an insgesamt 24 Grabinhalten. Alle Skelettreste der Kampagne von 1956 waren verabredungsgemäß noch ungeborgen. Daneben ließ er sich die Grabung erläutern und diskutierte mit de Vaux unter anderem auch Erhebungs- und Auswertungsmethoden in der modernen Prähistorie. Kurth ließ sich die Skelettreste von Qumran bei Abschluss der Kampagnen nach Jericho schicken. Hier erstellte er für die restlichen sechs Grabinhalte der Kampagne Ad-hoc-Diagnosen.

Mit viel Glück und großer Hilfsbereitschaft der Anthropologie der TU Göttingen konnte im Frühjahr 1998 der ehemalige Assistent von Kurth, DDr. Olav Röhrer-Ertel, in München ausfindig gemacht werden. Auf die Frage, ob er etwas über den Verbleib der Grabungstagebücher seines Lehrers Kurth wisse, stellte sich zur allergrößten Überraschung heraus, dass nicht nur Tagebuchnotizen von Kurth verfügbar waren, sondern dass sich in der Collectio Kurth unter anderem Skelett-Material aus Qumran befanden.

1958 wurde das Qumran-Material nach Angaben von Röhrer-Ertl gemeinsam mit dem aus Jericho in große Kisten verpackt und expediert. Als Kurth seinen Ruf nach Braunschweig erhielt, nahm er das Material originalverpackt mit. Mit seiner Pensionierung 1978 ist dann die Frage des Materialverbleibs akut geworden. Die neue Institutsleitung benötigte den Platz. Deshalb übertrug Kurth kurzerhand seinem ehemaligen Schüler Röhrer-Ertl 1978 die Verfügungs- und Publikationsrechte daran. Als dieser zum 1. Januar 1979 nach München zog, nahm er das Material mit. Es wurde dann aus der Originalverpackung herausgenommen, geordnet sowie neu verpackt und beschriftet. Weil sich das Qumran-Material als außerordentlich mürbe zeigte und starke Zerfallstendenzen feststellbar waren, wurde es in den Jahren 1990 und 1991 komplett präpariert.

Forschungsprojekt mit drei Grundlagenartikeln als Ergebnis

Röhrer-Ertl und Ferdinand Rohrhirsch, Oberassistent an Prof. Dr. Alexius Buchers Lehrstuhl für Praktische Philosophie und Geschichte der Philosophie, der in seiner Habilitationsschrift "Wissenschaftstheorie und Qumran" am Beispiel der Archäologie den Nachweis führte, dass philosophische Reflexionen für Fachwissenschaftler von Nutzen sind und zu diesem Zwecke die Debatte um Qumran jahrelang verfolgte, vereinbarten zur Untersuchung ein transdisziplinäres Forschungsprojekt. Daran beteiligt waren neben der Philosophie, Anthropologie, Archäologie, Botanik, Geologie und Hydrologie auch die Paläoökologie sowie die Physik. Der Projekt wurde mittlerweile abgeschlossen. Entstanden sind drei Grundlagenartikel.

Im ersten Artikel werden die Basisdaten der anthropologischen Untersuchung präsentiert. Im zweiten wird die Rekonstruktion eines ökologisch-wirtschaftlichen Interpretationsrahmens zu Chirbet Qumran vorgenommen. Dazu wurden die anthropologischen Daten mit eigens dafür gezogenen Bodenproben aus Qumran erweitert. Im dritten Artikel schließlich wird nach den prinzipiellen Möglichkeiten gefragt, ob und gegebenenfalls wie es unter Einsatz archäologischer Methodik überhaupt möglich sein kann, unterstellte religiöse Überzeugungen sachgemäß - das heißt mittels archäologischer Kriterien - zu identifizieren. Mit den darauf gegebenen Antworten wurden anschließen die Argumente bewertet, die die Gräber von Qumran als Ausdruck einer spezifisch essenischen Grundhaltung sehen wollen.

Mit großer Sorgfalt wurde dabei die gesamte Problematik auf die archäologische Methodologie fixiert, schließlich stellt die Forderung nach konsequenter Trennung von Texten und Objekten bei der Interpretation ein wesentliches Ergebnis von Rohrhirschs Habilitationsschrift dar.

Die Initiative des Lehrstuhls für Neutestamentliche Wissenschaft, die Beiträge in einem Symposion vorzustellen und anschließend auch im Rahmen der "Eichstätter Studien" zu veröffentlichen, wurde deshalb gern angenommen.

Einer der entscheidenden Vorteile der anthropologischen Neuuntersuchung liegt im Methodenfortschritt der letzten 40 Jahre, speziell der letzten zehn bis 20 Jahre. Obwohl nur wenige Grabinhalte von Qumran vollständig vorliegen, konnte im wesentlichen eine vollständige Neubearbeitung durchgeführt werden. Dabei handelt es sich um 22 Individuen, die nahezu die Hälfte der von de Vaux ergrabenen Individuen darstellen.

Nach eingeführten und standardisierten Methoden ist bei der Datenerhebung das individuelle Sterbealter diagnostiziert worden. Ebenso erfolgte eine Geschlechtsdiagnose, die Berechnung der individuellen Körperhöhe, die Diagnose der Konstitutionsvarianten I ("Körperproportionierung") und II ("Körperdimensionierung"), die Aufnahme anatomischer Skelett-Varianten, sowie Pathologica und Aberrationen - auch solcher von Zähnen. Eine morphognostische und morphometrische Erhebung schloss sich an. Bereits 1990 wurde eine medizinische Untersuchung durchgeführt. Die Beurteilung der individuellen Muskelentwicklung erfolgte nach sportmedizinischen und -anatomischen Gesichtspunkten.

Bei der Geschlechterdiagnose wurden die Untersuchungen von Kurth im wesentlichen bestätigt. Doch konnten nun auch zwei Frauen im so genannten Hauptfriedhof nachgewiesen werden. Dies führte zur neuen Erkenntnis, dass es in allen Gräberfeldern von Qumran männliche und weibliche Individuen aller Altersstufen gibt. Eine nähere Erläuterung oder gar Beurteilung von Verteilungsverhältnissen verbietet sich durch die geringe Zahl der untersuchten Individuen und damit mangels statistischer Grundlagen. Ferner ist davon auszugehen, dass die Mehrheit aller bekannten und beurteilten Individuen untersetzt gebaut war. Daneben treten aber auch schlank- und mittelwüchsige Individuen auf. Überwiegend waren die Skelette robust oder grazil in ihren Proportionen, ebenso wie die Kopfskelette. Die Bemuskelung muss mehrheitlich als gering ausgebildet diagnostiziert werden. Auch bei den als hyperplastisch diagnostizierten Individuen liegt kein Zustand vor, welcher die Aussage rechtfertigte, sie hätten ihren Lebensunterhalt durch einseitige körperliche Arbeit erworben.

Damit wäre gerade auch vom Konstitutionsbiologischen her zu postulieren, dass die hier behandelten Individuen aus den Gräberfeldern von Qumran in eine soziale Führungsschicht zuzuordnen sind. Insgesamt erscheint die Gruppe als recht homogen in ihren Charakteristika. Ebenfalls als Trend zeichnet sich ab, auf engere genetische Abstammung zwischen den Individuen zu schließen: Die Toten stellen danach einen Ausschnitt aus einer biologischen Population beziehungsweise aus einem soziologischen Heiratskreis dar.

Während der Präparation der Skelettreste fiel auf, dass die Knochenkonsistenz außerordentlich mürbe war, und dass Salze aus den Knochen ausblühten, sobald sie an die Luft gebracht wurden. Beides ist sehr interessant, weil bodengelagerte Knochen aus dem Levante-Raum in der Regel eine ausgezeichnete Konsistenz aufweisen. Hinzu kommt, dass die Knochen in der Regel eine lebhaft rötlich-bräunliche Patina zeigen, in diesem Falle allerdings ist die Grundfarbe eher als helles créme bis elfenbein zu werten. Zudem wiesen die Knochen des Hauptgräberfeldes und - weniger stark des Gräberfeldes Qumran-Süd - Spuren auf, welche auf eine ruckartige Verformung unter großem Druck schließen lassen. Zur Klärung dieser Unklarheiten wurden deshalb vorhandene Skelettreste zur physikalischen Datierung und Holzreste zur botanischen Bestimmung gegeben.

Lebensbedingungen im antiken Chirbet Qumran rekonstruiert

Die Ergebnisse: Die Region um das Tote Meer verfügte noch im zweiten nachchristlichen jahrhundert über eine aus dem frühen Postglazial überkommene und de facto geschlossene Pflanzendecke, welche auch in diesem Teil des Jordan-Grabens die jährlichen Niederschläge aufzufangen und oberflächennah zu speichern imstande war. Ökologisch betrachtet fanden sich somit im Bereich des Toten Meeres prinzipiell die gleichen Klima- und Vegetationszonen, wie sie sich für das Jordan-Tal rekonstruieren ließen. Vom Seeufer aufsteigend fand sich zunächst eine Parksavanne mit Wadis begleitenden Galeriewäldern (fast) tropischen Charakters. Außerdem stellte man an den Hängen des Judäischen Berglandes sommergrünen Laubmischwald, darüber Nadelwald und noch höher lichten Nadelwald fest. Es konnte ferner nachgewiesen werden, dass die in den Jordan-Grabenbruch entwässernden Quellen, soweit sie noch Wasser fördern, ein untereinander ähnliches Verhältnis gelöster Salze zeigen. Diese Relation findet sich auch - wenngleich in signifikant erhöhter Weise - im Wasser des Toten Meeres. Doch findet dabei keine erwähnenswerte Beeinflussung vom Toten Meer auf das die ufernahen Quellen speisende Grundwasser statt. Auch das oberflächlich ablaufende Regenwasser kommt nicht mit dem fossilen Grundwasser in Berührung - dieses konnte wenigstens bis zum 2. Jhdt. n. Chr. ein sich selbst erhaltendes System bilden, das in unterirdischen Reservoiren (Aquifere genannt) lagert und seit etwa 18.000 bis 14.000 Jahren Wasser abgibt und seither ausläuft. Dieses Wasser mit seinem charakteristischen Salzprofil ist als brackig und bitter beschreibbar, aber eben noch kein Salz- und Bitterwasser. Es eignet sich gerade noch zum Verzehr durch Mensch und Tier.

Spezielles Salzprofil

Die Untersuchungsergebnisse von gezogenen Bodenproben des Lisan-Kies der Qumran-Terrasse zeigten nun ein spezielles Salzprofil. Von daher bietet sich an dieser Stelle als Interpretation die Annahme an, die Salinität von Lisan-Kies und Lisan-Mergel ist mit den salinlimnischen Sedimenten gemeinsam entstanden. Weil seit Beginn des Holozäns das Klima im Untersuchungsgebiet offenbar schnell semi-arid bis arid wurde, konnten im Sediment mitabgelagerte Salze nicht oder doch nur unvollkommen durch Niederschlagwasser gelöst und abgeführt werden.

Die Salzwerte aus den Proben von Gräbern und vom Sand, der an den Knochen lagerte, zeigte dagegen ein Salzprofil, welches sich vom Salzprofil des Lisan-Kies‘ deutlich unterscheidet und prinzipiell dem entspricht, wie es von den Quellen und Brunnen bekannt ist. Daraus wird geschlossen, dass die gesamte Terrasse mit vom Wadi Qumran bezogenem Wasser über längere Zeit bewässert worden ist. Erträge wurden dabei offensichtlich vorzugsweise über Dattelplantagen erwirtschaftet, zwischen denen andere Pflanzen als untergesetzte Reihenpflanzung für den Lebensunterhalt gezogen wurden. Es standen damit ertragsstarke und -stabile Arten zur Verfügung. Auf dem skizzierten Areal konnten somit klimaunabhängig gleichbleibende Erträge erwirtschaftet werden, welche durchaus auch eine kopfstarke Population in ausreichendem Maße ernähren sollte. Die Bevölkerungszahl ist bei rund 200 bis 300 Personen beider Geschlechter und aller Altersgruppen anzunehmen, legt man moderne Daten und die derzeitige Gesamtgräberzahl zugrunde.

Es kann also festgestellt werden, dass Chirbet Qumran, wenn es unter wirtschaftlich-ökologischen Perspektiven thematisiert wird, die die dazugehörigen geomorphologischen und paläökologischen Bedingungen berücksichtgen, gegründet werden konnte, weil nach Art der orientalischen Oasenkultur für eine Bevölkerung ein ausreichender Lebensunterhalt gesichert werden konnte. Dies wurde möglich, weil seinerzeit fossiles Grundwasser über den reichlich fließenden Wadi Qumran ohne jahreszeitliche Schwankungen zur Verfügung stand.

Im dritten abschließenden Beispiel der Neuuntersuchung wurde eine Frage zum Thema erhoben, die in den beiden vorhergehenden Artikeln mit großer Sorgfalt ausgeklammert wurde: die Frage nach einem religiösen Eigengepräge des archäologischen Ortes Chirbet Qumran beziehungsweise nach den zugrundeliegenden Prämissen, unter denen es überhaupt sinnvoll ist, auf diese Frage eine fachwissenschaftlich fundierte Antwort zu erwarten. Die dafür benutzte Methodik basiert auf einer kritisch-rationalen Theorie von Wissenschaft. Mit den Ergebnissen der Methodendiskussion und den neu vorgelegten Daten werden exemplarisch die bisher vorgelegten Argumente bewertet, die die Gräber von Qumran als Ausdruck einer spezifisch essenischen Geisteshaltung interpretieren - die Tatsache also, dass die Menschen in Qumran in nord-süd gerichteten Einzelgräbern bestattet wurden, wobei die Leichen fast immer von Süden nach Norden und somit vom Schädel zum Körper orientiert waren.

Obwohl Chirbet Qumran keineswegs als real "unabhängig" in seiner kulturellen Art bezeichnet werden kann, erscheint es aber dennoch sehr wohl durch ein "Eigengepräge" gekennzeichnet. Dieses lässt sich an der Keramik, an der Art und Dimension der Räume, am Wasserleitungs- und -nutzungssystem, an den Gräberfeldern und an den geborgenen Tierknochen verdeutlichen. Gerade die zunehmende Erforschung des Gebiets seit de Vauxs Grabung liefert bei aller kulturellen topographischen Abhängigkeit archäologische Besonderheiten, die zu würdigen sind.

Sind religiöse Überzeugungen archäologisch zu rekonstruieren?

Dazu muss grundsätzlich gefragt werden, ob sich religiöse Überzeugungen archäologisch rekonstruieren lassen. Sollte sich dabei zeigen, dass die Möglichkeit einer Identifizierung religiöser Intentionalität im archäologischen Kontext prinzipiell gegeben ist, so ist damit immer noch keine fachwissenschaftlich operationalisierbare Methodik zur Verfügung gestellt. Das heißt: Unter dem Maßstab fachwissenschaftlicher Methodik müssen Bedingungen angegeben werden können, die das Aufstellen einer Theorie ermöglichen. Zugleich müssen natürlich auch Bedingungen formuliert werden können, die eine fachmethodische Falsifizierung eines derartigen theoretischen Geltungsanspruches ermöglichen.

Gräber und Friedhöfe spielen dabei eine herausragende Rolle: Religiöse beziehungsweise allgemein weltanschauliche Grundhaltungen einer Gemeinschaft kommen ja regulär vor allem beim Tod von Gemeinschaftsmitgliedern in besonderer Weise zum Ausdruck. Festgehalten werden kann, dass sich die Gräber von einem so benennbaren "Qumran-Typ" durch Reduktion auf vorzugsweise Einzelbestattung von den im Jordantal alteingeführten Bestattungstypen ableiten lassen.

Für das Untersuchungsgebiet kann deshalb angenommen werden, dass die benutzte Grabarchitektur kein qumranspezifisches Phänomen darstellt. Die in Chirbet Qumran nachgewiesenen Friedhofsarchitekturen werden jedoch gemäß der einschlägigen Literatur nicht mit einer Führungsschicht assoziiert. Damit lässt sich für Qumran als Besonderheit festhalten, dass hier eine jüdische Oberschicht Grabarchitekturen benutzt, die nicht einer gewöhnlichen "family burial cave" entspricht, die in den naheliegenden westlich gelegenen Felshängen in Qumran problemlos hätten errichtet werden können.

Orientalische Oasenkultur diente dem Lebensunterhalt

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der in Qumran residierende Sozialverband das Gebiet nach Art der orientalischen Oasenkultur bewirtschaftete. Ebenfalls üblich war eine halbstationäre Viehzucht. Gleichzeitig können Tätigkeiten wie Balsamherstellung, Bitumen- und Pergament- sowie Lederbearbeitung nicht ausgeschlossen werden. Die Haupterträge wurden vor allem über Dattelplantagen erwirtschaftet - sie reichen aus, um eine kopfstarke Population mit circa 200 bis 300 Personen zu ernähren. Dies alles wurde möglich, weil seinerzeit fossiles Grundwasser über den reichlich fließenden Wadi Qumran ohne jahreszeitliche Schwankungen zur Verfügung stand.

Die im damaligen Qumran lebenden Menschen können in das Judentum seiner Zeit eingeordnet werden. Diese Gruppe benutzte betont schlicht wirkende Keramik, die weder ihren finanziellen Möglichkeiten noch ihrem gesellschaftlichem Status entsprach. Sie benutzte Grabarchitekturen, die nicht mit dem in Jerusalem und Jericho zu gleicher Zeit nachweisbaren Brauch von jüdischen "family burial caves" vergleichbar sind. Stattdessen waren in Qumran Einzelbestattungen in nord-süd gerichteten Grabarchitekturen üblich, die in der Region zwar nicht unbekannt waren und auch von Juden benutzt wuden, doch bisher nach Ansicht neuerer Literatur jüdischen Unterschichten zugesprochen wurden. Die Anlage von Qumran scheint primär nicht auf Wohnzwecke mit "privaten Bereichen" ausgerichtet gewesen zu sein, sondern sich spezifischen Gemeinschaftsfunktionen unterzuordnen. Die bauliche Ausführung der Anlage ist einfach und zeigt keinen Hang zum Luxus. Im Gegensatz dazu steht das Wassernutzungs- und -leitungssystem in Qumran, das weit über das gewohnte Maß hinausgeht: Durch den Nachweis einer kontinuierlichen Wasserversorgung besteht kein Grund mehr, seine primär kultische Funktion in Abrede zu stellen, die demnach in Qumran eine herausragende Rolle gespielt zu haben scheint. Eine derartige Fülle an Miqvaot unterstreicht die These einer "besonderen religiösen Gemeinschaft" sehr eindrucksvoll. Ob die große Anzahl der Miqvaot durch unterschiedliche Benutzergruppen erklärbar ist, kann dagegen derzeit noch nicht entschieden werden.

Vieles deutet auf eine "besonders religiöse Gemeinschaft" hin

Der kultische Aspekt in den Funktionen der Anlage wird durch die Tierknochendepots bekräftigt, die von den bisher versuchten Einordnungen - ob manor-house, Villa, oder Festung - gewöhnlich ignoriert werden. Zu den innerhalb der Siedlung, aber unter freiem Himmel deponierten Tierknochen konnte von hier aus wohl kaum eine Interpretation erwartet werden, solange das Material nicht aufgearbeitet worden ist. jedoch erscheinen sie derzeit eher singulär und dürften ganz sicher als religiös-rituell zumindest stark mitbestimmt erscheinen und ebenfalls auf eine "besonders religiöse Gemeinschaft'' hindeuten.

Die festgestellte Einfachheit äußerer Formen bei gleichzeitig guten bis sehr guten Lebensbedingungen sollte deshalb im Sinne einer gewollten "Bescheidenheit" interpretiert werden. Bei der in Qumran residierenden Gemeinschaft scheinen die Familienstrukturen zugunsten einer straff hierarchisch organisierten Struktur und deren Anforderungen zurückzutreten, die auch eine geschlechterseparierende Tendenz zur Folge gehabt haben könnte.

Wie sehen nun die Perspektiven für die Qumran-Forschung aus? Auf den neu gewonnenen Daten kann aufgebaut werden - sie dienen künftigen Interpretationen als Basissätze. Ob sich eine ganz andere Deutung der Anlage Chirbet Qumran nahelegt, wird sich zeigen. Es könnte auch sein, dass die ursprüngliche archäologische Deutung von de Vaux nach wie vor die höchste Plausibilität zeigt: Demnach war Qumran Versammlungs- und Arbeitsort einer speziell organisierten religiösen Gemeinschaft. Dass es sich aber um die Essener handelte, lässt sich archäologisch weder belegen noch bestreiten.

(Ferdinand Rohrhirsch)