Der biblische Hintergrund

Traditionsgemäß lebende Juden akzeptieren die Torah (Pentateuch) als G-ttes Offenbarung am Sinai und befolgen ihre Weisung. Moses erläuterte und lehrte sie dem jüdischen Volk während der 40-jährigen Wüstenwanderung auf dem Weg nach Israel. Alles, was wir von seiner Lehre behalten haben, sowie unsere Versuche, das übrige zu rekonstruieren, ist in Talmud und Midrasch zusammengefaßt.

Nach G-ttes dramatischem Eingriff in die Geschichte durch den Exodus, proklamierte Er am Sinai als die Mission des jüdischen Volkes, daß es ihm ein "Königtum von Priestern und eine heilige Nation" sein sollte (Ex 19,8). Die Bezeichnung "Priester" beinhaltet, daß Israel eine (Laien)Gemeinde hat. Schon ein flüchtiger Blick in die Genesis, das Buch mit dem göttlichen Bericht über den Beginn der Menschheitsgeschichte zeigt, daß die nicht jüdische Menschheit diese Gemeinde ist.

Unmittelbar nachdem G-tt den Menschen erschuf, gab dieser seine innere Nähe zu G-tt, den Garten Eden, auf und ging statt dessen seinen eigenen Vorstellungen nach. Adam und Eva sündigen in der Jagd nach dem Vergnügen und essen die verbotene Frucht; Kain sündigt in seiner "religiösen" Manie von Überheblichkeit und Herrschlust und erschlägt Abel. Zahlreiche Nachkommen gehen in deren fehlgeleiteten Wegen und beginnen, eine neue Welt mondäner Zivilisation zu bauen. Tatsächlich erzielen sie große technische und politische Fortschritte. Aber die Generation der Flut versinkt in ihrer eigenen Schwelgerei (vgl. heute Aids und Playboy "Kultur"), und der Kollektiv-Machtblock Babel brach zusammen, als er G-tt herausforderte (vgl. Ost-Europa im ausgehenden 20. Jdh.). G-tt jedoch verläßt niemals sein Geschöpf, den Menschen. Er erwartet ständig dessen Rückkehr in den Garten Eden: der "Baum des Lebens" (die Torah, Spr 3,18), der inzwischen von G-ttes Engeln gehütet wird, erwartet dort den Menschen. Dies ist vergleichbar einem aufsässigen Kind, das sein Elternhaus verläßt mit der Drohung, nie mehr zurückzukehren. Seine Eltern mögen sagen: "Soll das ein Versprechen sein?", aber sie bewahren doch sein Zimmer so, wie er es verließ, in der Hoffnung und dem Gebet, daß er bald wieder nach Hause kommt und in Harmonie mitlebt, auch wenn er inzwischen wegen seines Eigensinns Schaden leiden sollte. So auch in der Menschheitsgeschichte.

Noah, der mit seiner Familie die Flut überlebte, wurde dann der Stammvater der Menschheit, eingedenk der Ursachen für die Flut, gebot er seinen Nachkommen: "Gesegnet sei der Herr, der G-tt Sems; G-tt breite Japhet aus und er wohne in den Zelten Sems, und Kanaan sei sein Knecht" (Gen 9,26+27).

Dies betrifft nicht nur die drei großen ethnischen Gruppen der Menschheit (wie oft gesagt wird), sondern vor allem die drei Stufen der menschlichen Seele: Sem (hebr. Schem) heißt Name (auch G-ttes Name) und beschreibt die göttliche Seele, bzw. den Geist G-ttes, und daher sind die Nachkommen Sems, die Semiten, das priesterliche Volk. Japhet steht für Intellekt und Schönheit (wofür griechische Kultur das Beispiel ist); während Kanaan, ein Sohn Hams, sinnbildlich für Trieb, Gefühl und Sinnlichkeit steht. Intellekt und Gefühl aber sollten von G-ttes Geist geleitet sein. Wenn jedoch der Intellekt die führende Rolle übernimmt, gerät er in allerlei Verirrungen und Abwege; und wenn Emotion und Sinnlichkeit lebensbestimmend werden, werden Unklarheit und Verwirrung das Resultat sein. Kanaan, der symbolisch für den triebhaften Teil der menschlichen Seele steht, kann unter der Führung Sems jedoch diesen veredeln und in den Dienst G-ttes stellen.

Läßt er seinen Trieben, den geistigen wie den sinnlichen, aber freien Lauf, gerät er schnell in Konflikt mit Sem, wofür Nimrod (wtl. "laßt uns revoltieren"), ein Enkel Hams und Neffe Kanaans, das unrühmliche Beispiel ist. Er wurde der Begründer von Babel (Bab-El, Verwirrung, d.h. wir haben unseren eigenen Zugang zu G-tt; wir brauchen kein Sem) und wurde damit der Prototyp für alle, die aus ihrer Ablehnung Sems und seiner Priesterstellung eine Religion nach ihrer eigenen Facon machen. Abraham und Israel nach ihm sind G-ttes Antwort auf jene Geistverirrung.

Während der 20 Generationen von der Schöpfung bis auf Abraham gab es keine Unterteilung zwischen Juden und Nicht-Juden. Abraham und sein Same nach ihm wurden dann erwählt für eine ganz bestimmte Aufgabe, nämlich Modelle auf individueller, familiärer und nationaler Ebene zu entwickeln, um alle Menschen wieder zurück zu sich selbst, zu G-tt und dem Garten Eden zu führen. Abraham und sein Sohn Isaak hatten dabei teilweisen Erfolg. Jeder entwickelte eine grundlegende Komponente der menschlichen Seele: Abraham die der zwischenmenschlichen Beziehungen, und Isaak die der tiefsten Verinnerlichung, der Selbstbeobachtung und Selbstdisziplin. Beide aber hatten auch Söhne, die, obwohl groß in ihrer Art, die Mission ihrer Väter nicht weiterführen konnten: Ismael und Esau und ihre Nachkommen waren feindseelig gegen ihre erwählten Brüder Isaak und Jakob und deren Nachkommen und bekämpfen sie, statt von Ihnen zu lernen.

Jakob, in der dritten Generation nach Abraham, entwickelte sich als ein ausgeglichenes Wesen, sozusagen als gute Synthese der Eigenschaften seines Vaters und seines Großvaters. Er bekam von G-tt den Namen Israel. Seine 12 Söhne gingen in seinen Fußspuren und wurden zu einer vielseitigen Modell-Familie. Damit endet die Genesis, das erste Buch der Torah, das man also als einen Bericht über Schöpfung, Umbruch und Neu-Schöpfung ansehen kann.

Im Exodus entwickelt sich Jakobs Familie zu einer Nation, die Ägypten verläßt, um aus Israel einen Modell-Staat zu machen, durch den alle Nationen zu sich selbst und zu G-tt zurückkehren sollen, wodurch dann auch die Natur zu ihrem ursprünglichen Zustand der Vollkommenheit zurückkommt. Die Juden als die Priester der Menschheit erhielten über 600 Gebote und Riten, die der übrigen Menschheit jedoch nicht vorgeschrieben wurden. Leider jedoch wurde Israel seiner Berufung nicht immer gerecht und hat damit andere nicht immer begeistert. G-ttes Antwort darauf war Israels Reinigung in einem langen Exil, das nun zuende geht mit dem Beginn der messianischen Zeit. Möge G-tt, so wie er derzeit seinem Volk Stärke verleiht, es bald mit Frieden segnen. Dann werden die Kräfte des Bösen nicht nur Israel für sich lassen, sondern es segnen und die Juden als Quelle für ihren eigenen Segen erkennen.

Juden, deren Hauptaufgabe im Staat Israel es ist, ein "Königtum von Priestern" zu sein, müssen jedem anständigen Menschen redlich und zuvorkommend gegenübertreten und ihn G-ttes Wort und Werte lehren. Sie müssen auch, um als "heiliges Volk" Vorbild sein zu können, an allen Aspekten des modernen Lebens teilhaben und nicht abseits stehen. Israel tauscht Wissen und Erfahrung in jeder Disziplin, wie Agrar- und Computerwissenschaften, mit den anderen Völkern aus, deren Hauptaufgabe es ist, die ganze Welt zu erforschen, erobern und zu entwickeln, zum Nutzen für alle. Nicht die, die Steine und Molotow Cocktails auf unschuldige Opfer zu werfen.

Dr. Yitzchaq Hayutman betrachtet den Dritten Tempel als die abschließende Vision. In ihm wird Israel seinen priesterlichen Dienst für die ganze Welt versehen und ihn zu "G-ttes Haus des Gebetes für alle Völker" machen. Die Menschheit wird sich dann neu begründen in Ganzheit und Frieden. Die Buchstaben, aus denen das hebräische Wort Adam (Mensch) gebildet ist, können uns ein Hinweis geben auf die drei universalen Lehrer, die die Menschheit zu ihrem wahren Selbst zurückführen: Abraham, David, Messias.