Ein Shabbat mit Izzy

Nach all der Theorie soll nun eine Einladung zu einem "praktischen Exkurs" folgen: Ich lade ein, einen Shabbat mit mir zu "verbringen". Nunja, ist kein vollwertiger Ersatz, so ein "Shabbat im Web" - im Grunde genommen eigentlich gar keiner. Aber ich kann mir eines gut vorstellen: jemand, der zuvor mit Shabbat nicht viel "am Hut gehabt" hat, ist von all den Details mit "man kann", "man darf", "man sollte" und "man kann/darf nicht" eher ein wenig verwirrt. Und auch wenn ein solcher "Beispiel-Shabbat" bei weitem nicht alle Aspekte abdecken kann (und will), kann er doch helfen, jene Verwirrung ein wenig zu entwirren. Nun, ich spare mir besser die lange, wirrige und verwirrende Vorrede und beginne mit dem Wesentlichen...


Donnerstag Abend...

Mittlerweile bin ich wieder von der Arbeit zu Hause angekommen. Auf dem Rückweg habe ich auch gleich meinen "Wochenend-Einkauf" im Wesentlichen erledigt, und nach einer kurzen Verschnaufpause wird alles verstaut - und die heimischen Shabbat-Vorbereitungen beginnen. Es ist zwar erst Donnerstag... aber der Teig für die Challot braucht (als Hefeteig) nunmal so einige Stunden zum "Gehen", und da reicht es nicht mehr aus, am Freitag mit dem Kneten zu beginnen. Nun liegt der vorgeknetete Teigklumpen in der Schüssel und "geht" zum ersten mal - derweil habe ich mich zuerst mit dem Staubsauger, dann mit dem Besen und schließlich mit dem Wischzubehör bewaffnet, und meine gesamte Wohnung schonmal geputzt. Der Teig wird jetzt nochmals geknetet und kommt letztendlich in den Kühlschrank, wo er bis zum nächsten Morgen so ganz in Ruhe weitergehen kann - derweil schnappe ich mir noch ein Buch (oder mein Telefon), schmöker (oder quassel) noch ein wenig - und endlich tauche auch ich ab. Nein, nicht in den Kühlschrank - sondern ins Bett!

Freitag Morgen...

So, jetzt kommt der Teig erstmal wieder raus aus dem Kühlschrank, wird nochmal geknetet - und darf dann im Warmen nochmals ein wenig "gehen", derweil ich mich dem Morgengebet und anschließend den Frühstücksvorbereitungen widme. Dann ist der Herd auch schon vorgeheizt, und die fertig geformten Challot werden mitsamt ihrem Blech in die Röhre - und die Frühstücksbrötchen in den Mund geschoben. Mittlerweile habe ich auch den Teig für meine Lieblings-Muffins fertig angerührt - und im Ofen ist Schichtwechsel: Challot raus, Muffins rein. Eine halbe Stunde später kommen die Muffins aus dem Ofen - und ich aus der Wohnung, die Arbeit ruft. Heute ist der Arbeitstag nicht gerade unwesentlich kürzer als von Montag bis Donnerstag: ich habe ein paar Stunden herausgearbeitet, und kann somit früher gehen. Wie gut, daß ich sowas in meinem Arbeitsvertrag stehen habe; so habe ich zu Shabbat immer rechtzeitig Feierabend!

Freitag Nachmittag...

Eventuell noch fehlende Einkäufe sind wiederum auf dem Rückweg von der Arbeit erledigt. Höchste Zeit, sich um etwas köstliches für die Shabbat-Tafel zu kümmern! Während das Essen sodann mit dem Kochen beschäftigt ist, bin ich es mit dem Decken der Shabbat-Tafel: weiße Tischdecke, die Shabbat-Lichter gut plaziert... wie viele Gedecke? Hm, weiß ich noch gar nicht so genau, stellt sich erst später heraus. Naja, eines mit Sicherheit für mich. Und einen Gast habe ich bestimmt auch. Vielleicht auch zwei? Ach, schauen wir mal. Erst nach den Töpfen auf dem Herd - und dann ins Bad. Schließlich will ich auch ein wenig festlich aussehen (und duften), wenn mein lieber Gast eintrifft! Die Haare sind nun gefönt, ich bin gut rasiert - und das Essen ist gut gar. Ersteres kommt in Hemd und Anzug gesteckt, letzteres vom Herd herunter und auf die Shabbat-Platte. Praktisches Ding: hinter eine Zeitschaltuhr gehängt, heizt sie sich auf knapp 40°C auf und hält somit das Essen warm, bis es alle ist - aber soweit sind wir ja noch gar nicht, das Essen soll ja schließlich noch bis morgen Mittag reichen. Jetzt noch einen schönen Tee gekocht, selbigen in die Thermoskanne verfrachtet - und schon geht es (nachdem ich die Shabbat-Kerzen gezündet habe) auf in die Synagoge...

Freitag Abend...

Die Lage meiner Wohnung ist wirklich gut gewählt. Zur Arbeit sind es vier Stationen mit der U-Bahn - zur Synagoge dagegen nur 6 Minuten zu Fuß. Trotzdem bin ich mal wieder nicht der erste, der hier ankommt; nunja, das läßt sich wohl kaum vermeiden, wenn man "alles alleine machen" muß. Ich sehe mir liebe bekannte Leute, allesamt festlich gekleidet: schließlich ist gleich Shabbat, der Höhepunkt der Woche, und wir sind hier, "Shabbat HaMalkah", die Königin Shabbat, gebührend zu empfangen!

Aber zuvor kommt noch das Minchah Gebet. Einer der Anwesenden hat sich bereits an das Pult des Vorbeters begeben, der Gottesdienst ist "eröffnet". Einige Nachzügler kommen noch herein, und schließen sich uns Betern an. Kopfnicken zur Begrüßung, ein kurzer warmer Handschlag.

Und schließlich ist es soweit: Kabbalat Shabbat, wir empfangen unseren teuren Gast mit Gesang: "Lechah dodi, likrat kalah!", "Mache dich auf, mein Geliebter, der Braut entgegen!". Viele Kabbalisten sind zu diesem Empfang nach draußen - auf ein Feld oder eine Wiese - gezogen (und tun dies vielleicht auch heute noch). Wir empfangen die Braut in unserem "Festsaal". Daheim, bei meiner Familie, wenden wir uns bei der letzten Stophe dieses Liedes zur Tür und öffnen sie, um den Gast herein zu lassen. Hier, in der Synagoge, drehen wir uns bei der letzten Strophe ebenfalls um; die Türe ist allerdings noch immer geöffnet, es braucht also niemand auf zu machen.

Es folgt noch das Ma'ariw Gebet, und schließlich schütteln sich alle freudig die Hände, wünschen sich "Shabbat Shalom" - und schicken sich an, nach Hause, zu ihren Familien zu gehen. Dort wartet - wie auch bei mir - ein leckeres Essen. Naja, und natürlich all die Lieben... Neben mir steht ein guter Freund, der (wie ich) einen "Junggesellen-Haushalt" führt. Ich frage ihn, wo er heute eingeladen ist. Bis jetzt noch nicht - prima, also kommt er mit zu mir. Steht da noch irgendwer "ohne Fahrkarte" herum? Ein Gast vielleicht, der sonst nicht bei uns in der Synagoge betet? Hm, leider nicht - na gut, also sind wir zu zweit. Jemand tippt mir von hinten auf die Schulter: "Itzchak, möchtest Du nächste Woche zu Shabbat vielleicht bei uns zu Gast sein?" Gern nehme ich an: in Gesellschaft macht Shabbat doppelt soviel Spaß!

So, zu Hause angekommen weiß ich nun zumindest, wieviele Gedecke ich brauche. Ich stimme das Lied "Shalom Alechem malachej ha-sharet..." an, während ich das Besteck und den Wein für den Kiddush zu Tisch bringe. Mein Gast wünscht sich eine andere Melodie - kein Problem, singen wir mit der anderen weiter, während ich den Kiddush- Becher fülle. Wie es meine Aufgabe als Hausherr ist, spreche ich den Kiddush- Segen über den randvoll gefüllten Becher - noch habe ich ja keine Kinder, die ich segnen könnte. Nachdem mein Gast und ich vom Wein getrunken haben, geht es zum Händewaschen in die Küche - und schweigend wieder zurück in die "gute Stube", wo die Challot noch unter ihrer Shabbat-Decke versteckt sind. Auch sie werden jetzt hervor geholt und bekommen zuerst ihren Segen, dann ein wenig Salz, und als wir beide dann je ein Stück davon (und ein paar weiter mit anderem "Belag" wie Fisch und Gemüse) gegessen haben, begebe ich mich zum Füllen der Teller in die Küche (warum ich mit den Tellern in die Küche gehe, und nicht etwa die Töpfe in die Stube hole, kann an anderer Stelle, bei Melachah Nr. 11, nachgelesen werden). Der Vorsuppe folgt der Hauptgang, und wir befinden uns mitten im interessantesten Gesprächsthema: heute hat es uns ein Detail aus dem Wochenabschnitt, der morgen in der Synagoge gelesen werden wird, angetan - und wir haben gut zu tun, die unterschiedlichsten Meinungen unter einen Hut zu bringen. Ein Griff ins Regal - und Rashi bringt uns noch einen neuen Standpunkt hinzu... Nichts für ungut, singen wir erstmal etwas. Kennst Du eine schöne Melodie für "Mah jedidut" (eines der Semirot, die am Shabbatabend gesungen werden)?

Da hätten wir doch fast die Nachspeise vergessen - und dabei habe ich so einen schönen Obstteller vorbereitet, mit Trauben, Bananen, ein paar Erdbeeren und Kirschen (letztere sind um diese Jahreszeit gar nicht mal so billig; aber für Shabbat...)! Okay, dann hole ich auch gleich noch die Teegläser und die Muffins dazu, der Tee ist ja schon in der Stube. Und schon sind wir wieder mitten im Gespräch. Hoppla - schon nach 23 Uhr, gleich geht das Licht aus (der Timer steht auf 23:30 Uhr). Wir sollten also schleunigst mit dem Tischgebet beginnen. Meine Güte, wie schnell so ein schöner Abend doch vergeht! Das Licht geht aus, mein Besuch nach Haus... und ich ins Bett.

Samstag...

Sind noch ein paar Muffins übrig? Ha, Glück gehabt. Ein kleiner Haps, damit der Magen nicht völlig nüchtern ist - und auf geht's zur Synagoge. Gegessen wird erst später, nach dem Morgengebet - wie immer, so am Shabbat erst recht. Der Gottesdienst heute ist wesentlich länger als gewöhnlich am Werktag - nunja, ist ja auch ein besonderer Anlaß. Es gibt zusätzliche Psalmen und weitere Texte im Gebet - und etwa eine Stunde später ist es soweit: die Torah wird unter Gesang und Gebet aus ihrem "heiligen Schrank" entnommen und zum Vorlesepult, der Bimah, gebracht. Die ganze Gemeinde hat sich dazu erhoben, um der Torah die Ehre zu erweisen. Einige kamen auch nah genug heran, um sie ehrfürchtig zu berühren, zu küssen... Nun liegt sie auf dem Pult, und die erste Person wird herangerufen, damit die Lesung beginnen kann. Ist ein Kohen anwesend? Gut, ihn müssen wir zuerst aufrufen. Ihm folgt dann, wenn vorhanden, ein Mann aus dem Stamm Levi, dann noch fünf weitere - und schließlich der "Maftir", der im Anschluß an die Torah-Lesung aus der Haftarah lesen wird.

Während dessen habe ich mich jedoch in den Nachbarraum begeben. Hier warten unsere "Kiddies" darauf, daß auch sie etwas aus der Torah lernen. Gemeinsam mit ein paar anderen jungen Leuten aus der Gemeinde habe ich mich dieser Aufgabe gewidmet. Alle zusammen sprechen wir zunächst eine Kurzform des Morgengebetes und stellen sodann fest, welcher Wochenabschnitt gerade gelesen wird. Keiner weiß es? In welchem Buch sind wir denn? Richtig, Vajikra (3. Mose). Welchen Abschnitt hatten wir denn letzte Woche - oder weiß vielleicht noch jemand, worum es ging, und kann es nochmals für alle zusammenfassen? Und wir lernen wieder etwas neues, hören auch noch eine Geschichte, und singen schließlich die Hymne unserer Jugend: "Ani ve-atah..." (ich und du). Und schon steckt auch einer der Erwachsenen seinen Kopf durch die Tür: die Haftarah wird bereits gelesen, wir ("großen") sollen uns langsam für das Mussaf Gebet in den Betsaal begeben...

Nach dem Mussaf ist dann der Gottesdienst auch zu Ende. Der Torah-Schrank wird noch einmal geöffnet, und die "Kiddies" singen ein Lied zur Ehre der Torah: "An'im Semirot..." ("ich will Melodien komponieren und Lieder singen..."), und schließlich gehen wir nach Hause. Mein Freund vom Vorabend begleitet mich wieder - wir waren mit unserem Gespräch noch nicht fertig (mit dem Essen ja auch nicht - ist immer nochwas da), und außerdem sind da noch einige interessante Aspekte dazugekommen. Auch die "Kiddies" haben noch dazu beigetragen - und die Geschichte paßte auch so gut... Der Kiddush zu dieser Mahlzeit ist etwas kürzer als am Vorabend - unser Hunger jedoch nicht gerade geringer. Und wieder reden wir uns die Köpfe heiß - das Essen ist nicht mehr ganz so heiß... Aber nach dem Tischgebet beschließen wir, uns erst einmal eine kleine Ruhepause zu gönnen. Mein Gast macht sich auf dem Sofa lang, ich auf meinem Bett. Eine Stunde später sind wir jedoch bereits auf dem Weg in den nur wenige Minuten entfernten Park: so schönes Wetter draußen, es wäre doch eine Schande. Und unser Gespräch können wir auch dort fortführen. Das Thema hat allerdings mittlerweile gewechselt: Gesprächsstoff ist nun unsere Gemeinde im allgemeinen und unsere Jugendgruppe im speziellen...

Etwa zwei Stunden später sind wir wieder zurück, knabbern noch ein paar Muffins zum letzten Rest Tee. Draußen setzt die Dämmerung bald ein, und dann geht es wieder zur Synagoge: Minchah und Ma'ariw werden den Shabbat zu seinem Ausklang bringen. Auch zu Minchah findet wieder eine Lesung aus der Torah statt - der Anfang der Lesung der folgenden Woche. Diesmal ist kein Kohen anwesend - ein Levi vertritt ihn, und zwei weitere Männer werden aufgerufen. Eine Lesung aus den Propheten gibt es zu Minchah nicht. Nach diesem Gebet folgt die dritte Mahlzeit des Shabbat - wir nehmen sie gemeinsam in der Synagoge zu uns. So haben wir auch noch Gelegenheit, uns mit den anderen zu unterhalten. Schließlich ist es Zeit für Ma'ariw, und unser teurer Gast schickt sich an, uns wieder zu verlassen...

Nur ungern lassen wir unsere Königin wieder ziehen: daheim angekommen, zünden wir die Hawdalah- Kerze (eine besonders kunstvoll geflochtene Kerze mit mehreren Dochten, die zusammen eine Flamme wie die einer Fackel ergeben) an, verabschieden uns vom Shabbat - und wünschen uns eine "gut woch", "shawu'a tow": eine gute neue Woche...

Aber in sechs Tagen, da ist es wieder soweit - da ist wieder Shabbat!!! Gut, daß das unumstößlich sicher ist...